Richtig sitzen, falsch sitzen.

Häufig werde ich als Physiotherapeut gefragt wie der Mensch am besten sitzen sollte. Sei es im Büro, im Auto, im Schneidersitz oder auf nem Barhocker.

Da mich diese Frage seit über elf Jahren verfolgt und ich seit über elf Jahren die gleiche Antwort gebe, möchte ich euch in diesem Beitrag das richtige Sitzen erklären.

Zuerst müssen wir uns fragen, was verstehen die meisten Menschen denn unter „falschem“ Sitzen?

Sitzen sie nur halb auf dem Stuhl? Sitzen sie falsch herum? Was genau denken sie, wenn sie von falschem Sitzen reden? Und die Antwort ist oft eindeutig: Sie haben keine Ahnung. Wenn Schmerzen beim Sitzen auftreten denken die Menschen sie sitzen falsch. Ok. Ich habe also eine Symptomatik und schiebe die Schuld erst mal auf die Aktivität die sie auslöst. Macht Sinn. Jetzt erwarte ich, dass wie bei allen Dingen im Leben eine Anleitung Abhilfe schafft. Denn so wie ich es mache muss es falsch sein. Die erste Anleitung werden die meisten noch aus der Kindheit kennen: „Sitz gerade.“ „Lass die Schultern nicht so hängen.“ „Mach deinen Rücken nicht so krumm.“ „Wenn du weiter so sitzt, bekommst du später einen Buckel.“

Und.. hat es geholfen? Ich denke nicht, denn sonst würde ich jetzt nicht an diesem Blogartikel schreiben. Mit stupiden Richtungsanweisungen kommen wir hier nicht weiter.

Sehen wir uns kurz an was die eigentliche Problematik ist:

Habt ihr schon mal versucht für zwei Stunden am Stück einen Kopfstand zu machen? Oder könnt ihr einen Kugelschreiber am seitlich ausgestreckten Arm für eine halbe Stunde halten? Schafft ihr eine Stunde in der Hocke wie beim Skifahren zu bleiben? Die Antwort wird in fast allen Fällen gleich lauten: Nein.

Warum könnt ihr das nicht?

Weil es eurem Körper auf Dauer schaden würde. Wir sind nicht dafür gemacht ewig in der gleichen Position zu verharren. Unser Gewebe lebt von Durchblutung und kann nur funktionieren, wenn es nicht zu lange gedrückt oder gezogen wird. Denn beides kann auf lange Sicht eine Minderdurchblutung auslösen. Jeder kennt die weißen Flecken auf der Haut, wenn man lange mit dem Finger auf einen Punkt drückt. Was passiert da? Ihr drückt das Blut aus den Gefäßen raus und wenn ihr loslasst, fließt es wieder zurück. Würdet ihr diesen Punkt z.B. einen Monat lang drücken, kann das Gewebe darunter kaputt gehen. Selbst beim Schlafen drehen wir uns immer wieder um. Das ist völlig natürlich und beugt einem Schaden durch Druckstellen im Gewebe vor. Warum sitzen wir also so lange ohne uns zu bewegen? Weil unser Gehirn beschäftigt wird. Und zwar vom Bildschirm. Und je mehr wir in den „Arbeitsmodus“ fallen, desto weniger bekommen wir von unserer Körperhaltung mit.

Bleiben wir beim Beispiel mit dem Kugelschreiber:

Wenn ihr einen Kugelschreiber am ausgestreckten Arm versucht eine halbe Stunde zu halten, werden eure Muskeln so derbe anfangen zu brennen, dass ihr den Arm von alleine nach kurzer Zeit wieder runter nehmt. Das macht auch Sinn, denn euer Körper will euch damit sagen, dass diese Leistung nicht seinem Naturell entspricht. Bei der Schulter arbeiten, sagen wir mal, drei Hauptmuskeln als Akteure zum Halten. Wenn die volle Pulle geben müssen, halten sie das nicht lange aus. Sie tun euch weh, damit ihr den Arm wieder runter nehmt und kein Schaden entsteht. Wenn ihr den Arm jetzt nur ein Stück vom Körper abspreizt und den Kulli haltet, wird die Zeit die ihr durchhaltet deutlich länger sein. Ist deshalb eine der Varianten die richtige oder falsche? Nein, es ist nur ein Unterschied in der Belastung. Noch anders wird es, wenn ihr den Kulli mit dem Arm auf und ab bewegt. Hier könnt ihr je nach Tempo, ganz locker eine halbe Stunde schaffen. Ihr bleibt ja auch in Bewegung. Ohne Bewegung muss der Muskel angespannt bleiben. Das reizt seine Energiereserven für kurze Zeit aus. Und wenn ihr nicht mehr locker lasst kann nur ungenügend neue Energie zum Muskel gelangen. Er macht euch also klar: Arm runter, sonst tue ich dir weh. Denn auf lange Zeit gehe ich davon kaputt.

Zurück zum Rücken:

Hier habt ihr natürlich mehr als drei Muskeln die euch helfen aufrecht zu sitzen. Aber das Prinzip bleibt das gleiche. Am Schreibtisch mit aufgelegten Armen und den Händen auf der Tastatur arbeiten viele Muskeln ein bisschen. Das bedeutet, ihr haltet deutlich länger durch, als mit dem ausgestreckten Arm. Deutlich länger, aber nicht für immer. Eine halbe Stunde macht noch kein Problem. Eine volle Stunde und mehr aber schon. Eure Muskeln müssen durchgehend, wie ein Schwamm den ihr vom Wasser auswringt, angespannt bleiben. Damit ihr nicht mit der Birne auf den Tisch knallt. Durch das Auswringen, sprich Anspannen, kann weniger Blut in die Muskeln fließen und weniger Energie wird bereit gestellt. Den Muskeln geht die Kraft aus.

Was ist jetzt zu tun?

Ihr müsst die Position in der ihr gerade sitzt ändern.

Was passiert dann?

Eure Muskeln haben kurz Zeit sich aus der Anspannung zu lösen und das Blut kann wieder in vollem Umfang durchfließen. Sauerstoff und Energie kommt rein, Abbaustoffe werden abtransportiert. Der Muskel erholt sich und kann wieder arbeiten.

Was ist also das Problem?

Die Zeit, die ihr in ein und derselben Position beim Sitzen verbringt. Nicht die Position selbst.

Es gibt also kein richtiges oder falsches Sitzen. Es gibt nur zu lange und zu einseitig. Denn auch in einer optimalen, aufrechten Haltung würden sich eure Muskeln nach einer gewissen Zeit bemerkbar machen. Stichwort Schwamm 😉

Was ist die Lösung?

Wenn ihr Schmerzen beim Sitzen vorbeugen wollt solltet ihr euch zwischendurch bewegen. Stellt euch einen Timer, z.B. auf 20 Minuten und steht vom Stuhl auf. Streckt euch in alle Richtungen, dreht euch um die eigene Achse, streckt die Arme aus, macht die Beine lang, geht in die Hocke. Egal was ihr macht, die Hauptsache ist, dass ihr euch bewegt. Der oft genannte Gang zum Drucker macht allerdings wenig Sinn. Denn wenn die Schultern genauso hängen wie die ganze Zeit beim Sitzen bewegt sich da viel zu wenig.

Ändert regelmäßig eure Position auf dem Stuhl. Gebt eurem Körper die Möglichkeit, anzuspannen und zu entspannen. Wenn beides im Wechsel stattfindet wird es euch euer Rücken danken.

Wenn ihr Fragen habt, besucht mich gerne in meiner Praxis für Physiotherapie in Rotherbaum oder ruft mich an.